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24.08.2009

Fliegerisches Können wird perfektioniert

von Ralf Scherer

WALLDÜRN. Pünktlich um neun Uhr morgens beugen sich zahlreiche Köpfe auf der Suche nach dem aktuellen Wetterbericht über das Notebook in der Werkstatt der Fliegerhalle. Bleibt es trocken? Kann geflogen werden? Letzte Gewissheit bringt kurz darauf das offizielle Briefing von Helmut Westermann. Aufmerksam hören die Piloten der Segelfliegergruppe (SFG) Markdorf ihrem Vorsitzenden zu, wenn dieser täglich den Segelflugbericht der Luftfahrtberatungszentrale Südwest verliest.

Bewölkung, Thermikbeginn und -ende, wetterwirksame Sperrschichten, zu erwartende Niederschläge - alle wichtigen Daten für die Region Odenwald/Bauland werden ausgetauscht. Kurz drauf rollen bereits die ersten Maschinen aus dem Hangar, denn für zwei Wochen haben die Flieger vom Bodensee ihr diesjähriges Sommerfluglager auf dem Walldürner Flugplatz aufgeschlagen.

Neben dem Osterlager auf eigenem Terrain zieht es die Markdorfer Segelflieger in den Sommerferien regelmäßig in fremde Regionen, um ihr fliegerisches Können zu perfektionieren. Vom Flugschüler bis zum erfahrenen Langstreckenpiloten fanden so insgesamt 28 Teilnehmer auf der Suche nach dem idealen Aufwind den Weg in die Wallfahrtsstadt. Mit dabei sind stets auch die Familien, denn die Fliegerei ist für viele vor allem ein Gemeinschaftserlebnis.

"Allein geht es nicht. Segelfliegen ist ein Mannschaftssport. Wir brauchen immer Helfer und ein intaktes Umfeld", bestätigt auch Martin Westermann. Als Fluglehrer und stellvertretender Vorsitzender des Flugsportclubs Odenwald hält er über seinen Bruder Helmut seit Jahren engen Kontakt mit den Fliegern vom Bodensee und hat diese nun nach Walldürn eingeladen.

Dass es nur im Team funktioniert, weiß auch Iris Westermann. Die Betreuung und Verpflegung abseits der Piste ist ihr Metier und auf die Hilfe der übrigen Teilnehmer kann sie sich stets verlassen.

Hand in Hand wird aber auch und vor allem auf dem Flugfeld gearbeitet. Innerhalb weniger Minuten sind die sieben Markdorfer Segler zusammengebaut und startklar. Vom "Oldie" aus den 1960-er Jahren, einer K7 "Rhönadler", bis hin zum hochmodernen Doppelsitzer "Duo Discus" werden die Maschinen jeden Morgen gleich nach dem Frühstück an den Startpunkt geschoben.

Am anderen Ende der Landebahn bringt ein weiteres Team die Schleppwinde in Stellung. Mit der unbändigen Kraft der umgebauten MAN-Zugmaschine aus Bundeswehrbeständen und den beiden knapp 1000 Meter langen Nylonseilen werden die Segelflugzeuge auf bis zu 600 Meter Höhe katapultiert.

Zu guter Letzt bezieht noch der eingeteilte Flugleiter seine Position am Rand des Rollfeldes und gibt in Absprache mit dem Tower grünes Licht für den Start. Bis die erste Maschine abhebt, vergehen schließlich nur noch wenige Minuten.

Fallschirm anlegen

Den Fallschirm anlegen, ein kurzer Check der Ruder, Seil einhaken und schon geht's los. Was von außen sanft und elegant aussieht, kann bei Laien im Cockpit jedoch schnell ein mulmiges Gefühl in der Magengegend verursachen, denn schon nach wenigen Metern geht es steil in die Höhe. Sekunden später schwebt man nahezu geräuschlos in mehreren hundert Metern Höhe und spürt sofort die Faszination des Fliegens. Wie ein Vogel suchen sich die Piloten geeignete Aufwinde und schrauben sich Meter für Meter nach oben. Wer die Kunst beherrscht, die Thermik zu "lesen" und Wolken in der Aufbauphase zu erkennen, kann so bei Geschwindigkeiten von 80 bis über 200 km/h mehrere Stunden in der Luft bleiben und bis zu 500 Kilometer zurücklegen.

Solche Überlandflüge sind jedoch nur den erfahrensten Piloten vorbehalten. Der Fliegernachwuchs dreht seine Übungsrunden überwiegend in der unmittelbaren Umgebung des Walldürner Flugfeldes. Und an Flugschülern mangelt es weder in Markdorf, noch in Walldürn.

"Wir haben einen großen Zulauf", ist Michael Westermann zufrieden mit der aktuellen Entwicklung. Wer dabei glaubt, dass die Fliegerei nur ein Sport für Erwachsene ist, liegt gründlich daneben.

Bereits im Alter von 14 Jahren dürfen Jugendliche das erste Mal ins Cockpit steigen. Sobald die wichtigsten theoretischen Grundlagen sitzen, geht es gemeinsam mit dem Fluglehrer im Doppelsitzer auf die ersten Platzrunden. Geflogen wird dabei ausschließlich in kurzen Intervallen von wenigen Minuten. Starts und Landungen als die schwierigsten Abschnitte eines Segelfluges sollen so den Flugschülern in Fleisch und Blut übergehen. Und nach ungefähr 80 bis 100 Starts ist es dann soweit: Mit dem ersten Alleinflug gilt es zu beweisen, dass man das Fluggerät ohne Risiko beherrscht.

Ihren Flugschein erhalten die jungen Segelflieger allerdings erst mit Vollendung des 16. Lebensjahres. Zuvor gilt es noch die theoretische Prüfung in den Fächern Navigation, Meteorologie, Aerodynamik, Flugzeugkunde, Luftrecht sowie dem Verhalten in besonderen Fällen abzulegen.

Als weitere Voraussetzung werden der Erwerb eines Funksprechzeugnisses und ein ärztliches Tauglichkeitszeugnis verlangt. Mit einem Streckensegelflug über 50 Kilometer und der praktischen Prüfung endet die Ausbildung nach ungefähr zwei bis drei Jahren. "Vom Ansatz her ist das einfacher als Autofahren", ist Fluglehrer Westermann überzeugt. "Und man hat den Luftfahrerschein für Segelflugzeugführer, während andere noch Mofa fahren!" Wobei die Kosten ähnlich dem Auto-Führerschein einigermaßen überschaubar sind. "Es ist nicht so teuer wie man vermutet", erklärt Westermann. Einschließlich aller Gebühren und Beiträge ist man bei der SFG Markdorf schon für rund 1500 Euro dabei.

Und die in weiten Teilen ehrenamtlich organisierte Nachwuchsarbeit zahlt sich aus: Während des Sommerfluglagers in Walldürn haben gleich zwei Jugendliche ihren ersten Alleinflug mit Bravour gemeistert. Insgesamt nahmen zwölf, zumeist erwachsene Flugschüler in verschiedenen Ausbildungsstadien teil. Von fünf Fluglehrern angeleitet war dies die ideale Gelegenheit, möglichst viele Flugstunden am Stück zu sammeln.

"Normal kommt man ja nur an den Wochenenden dazu", ist deshalb auch Hans-Peter Bock rundum zufrieden mit dem diesjährigen Domizil im Odenwald. "Hier in Walldürn muss man den Luftraum auch mal mit Motorfliegern teilen", war er abseits der sonst üblichen Graspisten von den Herausforderungen eines "richtigen" Flugplatzes begeistert.

Und seine Mitstreiter sahen es offenbar ähnlich: Bis zum Abschlussfest am Freitagabend schlug bei durchweg gutem Flugwetter die rekordverdächtige Zahl von über 500 Starts zu Buche.

 

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